Zur Pogromnacht: Denk ich an Mainz in der Nacht…

Erstveröffentlichung am 10. November 2013 auf dem Kulturblog danares.mag.

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© Verein für Sozialgeschichte Mainz e.V.

Kaiserstraße Mainz, 10. November 1938: „Dann gab es ein fürchterliches Krachen an unserer Wohnungstür, und bevor wir wussten, wie uns geschah, standen wir plötzlich einer großen Horde von Männern gegenüber […] Alles splitterte und brach in Stücke.“

Nachbarn sammeln die im Hof verstreute Kleidung auf. Am folgenden Tag schaut ein Polizist vorbei. Er verspricht der Familie, dass dem Vater, der sich auf dem Speicher versteckt, nichts geschehen werde.

Aber danach, so Renata Schwarz in ihren Erinnerungen Von Mainz nach La Paz, war nichts mehr wie zuvor. Der Vater kann nach den Ereignissen vom 10. November acht Tage lang nicht sprechen: „Bei ihm war innerlich etwas zerbrochen.“ Renatas Familie flieht nach Lateinamerika.

Auch Fritz Siegfried Salomon und Anny Salomon wohnten in der Mainzer Kaiserstraße. Anny wurde 1942 nach Polen deportiert und ermordet. Ihr Ehemann Fritz Siegfried nahm sich nach einem Verhör durch die Gestapo das Leben.stolpersteine-mainz-kaiserstraße

Ein weiterer Mainzer Bürger aus der Kaiserstraße: Carl Theodor Frank. Er wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo er verhungerte. In Mainz war Carl Theodor Frank nicht nur als Holzhändler bekannt, sondern auch als Vater des Schriftstellers und Regisseurs Rudolf Frank.

Wir sind immer noch in der Kaiserstraße, jetzt an der Ecke zur Leibnizstraße: Eine Gedenktafel am Gebäude der ehemaligen Gestapo-Außenstelle Mainz erinnert an die Opfer des Nazi-Regimes. „Funktion“der Außenstelle: Überwachung, Verfolgung, Folterung und Deportation.

Ehemalige Gestapo-Zentrale Mainz 2

Folgt man der Kaiserstraße in Richtung Universität, gelangt man zur Parcusstraße, wo sich das Geburtshaus von Anna Seghers befindet. Anna Seghers (Geburtsname: Netty Reiling) gelang die Flucht ins Exil. Ihre Mutter Hedwig Reiling wurde 1942 nach Polen deportiert und ermordet.

Mit Hedwig Reiling deportiert wurde auch Anna Seghers’ ehemalige Lehrerin Johanna Sichel. Beiden Frauen verlieh Anna Seghers in ihrer Erzählung Der Ausflug der toten Mädchen literarische Unsterblichkeit.

Von der Kaiserstraße sind es nur wenige Schritte bis zur ehemaligen Hauptsynagoge Mainz in der Hindenburgstraße.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 geht die Synagoge in Flammen auf. Wohnungen und Geschäfte jüdischer Bürger werden verwüstet und geplündert. Wenige Tage später ordnet das Mainzer Bauamt die Sprengung der ausgebrannten Synagoge an. Für die Kosten der Sprengung muss die Jüdische Gemeinde aufkommen.

Neue Synagoge Mainz, 9. November 2013:

Während der Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die Pogromnacht zeigt die Polizei Präsenz. Drei Polizisten auf dem Synagogenplatz, sie sind relaxt. Man redet über Privates. Keine „Zwischenfälle“.

Synagoge Mainz 2013_2

 

Quellen & weiterführende Lektüre:

Renata Schwarz: Von Mainz nach La Paz. Kindheit eines jüdischen Mädchens in Deutschland und Flucht nach Bolivien (2007). Herausgegeben vom Verein für Sozialgeschichte Mainz e.V., ISSN 1435-8026, 165 Seiten, 10 Euro. – Bestellung & weitere Informationen auf der Website des Vereins für Sozialgeschichte Mainz e.V.

Mainz im Nationalsozialismus 1933-1945 des Vereins für Sozialgeschichte Mainz e.V.

Stolperstein-AG des Frauenlob-Gymnasiums Mainz

Broschüre Frauenleben in Magenza (2010). Herausgegeben vom Frauenbüro Mainz (pdf-Download)

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Gedenktafel: Geburtshaus Anna Seghers, Mainz

Geburtshaus Anna Seghers Mainz

„Krieg der Bastarde“ in Mainz: Lesung mit Ana Paula Maia

Erstveröffentlichung am 12. September 2013 auf dem Kulturblog danares.mag.

Mit Krieg der Bastarde habe sie ihre literarische Stimme gefunden, sagt Ana Paula Maia. Und was für eine Stimme das ist!

Im Mainzer Lomo stellte Ana Paula Maia gestern Abend gemeinsam mit ihrer deutschen Übersetzerin Wanda Jakob einen Roman vor, der in Brasilien bereits 2007 auf den Markt kam und erst vor wenigen Wochen auf Deutsch beim A1 Verlag erschienen ist.

Krieg der Bastarde Mainz 2

Krieg der Bastarde ist bevölkert mit liebenswerten Kriminellen, die sich in einer brasilianischen Großstadt mit kleineren oder größeren Verbrechen über Wasser halten. Außergewöhnliche Charaktere, amüsante Dialoge und groteske Gewaltszenen an spektakulären Schauplätzen prägen diesen rasant erzählten Roman, der definitiv ein Highlight dieses Bücher-Herbstes ist (siehe Rezension auf danares.mag).

In Krieg der Bastarde überschlagen sich die Ereignisse. Das ist kein Zufall, erklärt Ana Paula Maia, denn ihre Kindheit war durch Comics, Telenovelas sowie Charles Bronson- und Bruce Lee-Filme geprägt. Überhaupt konnte die junge Ana Paula in ihren frühen Jahren wenig mit Literatur anfangen. Sie brauchte Action und war unter anderem Schlagzeugerin in einer Punk-Band.

Erst mit 18 Jahren begann sie Literatur zu lesen: Jules Verne, Dostojewskij und später im Studium auch Platons Dialoge.

Platons Einfluss spiegelt sich in den vielen Gesprächen der Hauptfiguren wider. In Krieg der Bastarde  gibt es kaum reflektierende Momente des Erzählers. Die Figuren tauschen sich im Dialog über die Welt aus. „Im Dialog lernt man die Menschen kennen“, sagt Ana Paula Maia, „sowohl in der Fiktion als auch in der Realität“.

Krieg der Bastarde Mainz

Ana Paula Maia schreibt über Menschen, die noch keinen Platz in der großen brasilianischen Literatur gefunden haben. Bisher habe sich die Literatur ihres Landes entweder mit der Mittelklasse oder mit der Gewalt in den Favelas beschäftigt. Der Müllmann oder der Straßenarbeiter sei in der brasilianischen Literatur nicht präsent gewesen, so Ana Paula Maia.

Sie schreibt über diese normalen Menschen, „und ich mache das mit großer Freude”. Die Handlung ihres Romans sei universell und stehe nicht repräsentativ für Brasilien: „Meine Geschichten könnten auch in Berlin spielen.”

Ana Paula Maia ist ohne Frage eine Bereicherung für die internationale Literaturszene. Ihr Roman Krieg der Bastarde macht süchtig und hat es verdient, auch in Deutschland viele Leser zu finden.

Ana Paula Maia: Krieg der Bastarde (2013), A1 Verlag, 208 Seiten, ISBN 978-3-940666-42-0.

Die brasilianische Originalausgabe A Guerra dos Bastardos ist 2007 bei Língua Geral erschienen.